Die Jesuiten in zwölf Schlüsselmomenten — eine Zeitleiste von 1491 bis heute
Von der Geburt eines baskischen Soldaten bis zum ersten jesuitischen Papst. Zwölf Daten, die die Geschichte der Gesellschaft Jesu erklären — mit besonderem Blick auf die Aufhebung 1773 und die Wiederherstellung 1814.
Wer fünfhundert Jahre Ordens-Geschichte verstehen will, kann sie nicht chronologisch durchlesen. Es würde Wochen dauern und die wirklich entscheidenden Bruchstellen würden im Detail untergehen.
Hier sind zwölf Daten. Jedes davon ein Wendepunkt. Wer sie kennt, hat das Rückgrat der Geschichte. Alles andere lässt sich darum bauen.
Ich beginne mit dem Tag, an dem ein Kind geboren wird, das später Ignatius heißen soll. Und ich ende in der Gegenwart, in der ein argentinischer Jesuit zum ersten Mal in 473 Jahren auf dem Stuhl Petri sitzt.
1. 1491 — Iñigo López de Loyola wird geboren
In der baskischen Provinz Guipúzcoa, auf der Burg Loyola, kommt das jüngste von dreizehn Kindern eines Niederadeligen zur Welt. Er wird später, als er sich der Heiligen Geschichte zuwenden wird, den Namen Ignatius annehmen.
Bedeutung: Ohne diese Geburt keine Gesellschaft Jesu. So einfach. Und ohne die Verwundung im Krieg 1521 hätte Ignatius nie zu lesen begonnen, hätte nie das Beobachten der inneren Bewegungen entwickelt, hätte nie die Geistlichen Übungen geschrieben. Eine Kanonenkugel im rechten Bein hat die katholische Welt verändert.
Quelle: Tanner, Ignatius von Loyola; Schurhammer SJ, Ignatius — Werden und Wirken.
2. 15. August 1534 — die Gelübde auf dem Montmartre
In einer kleinen Kapelle auf dem Montmartre in Paris legen sieben Männer gemeinsame Gelübde ab: Ignatius, Pierre Favre, Franz Xaver, Diego Laínez, Alfonso Salmerón, Simão Rodrigues, Nicolás Bobadilla.
Sie geloben Armut, Keuschheit und eine Pilgerfahrt nach Jerusalem — sollte diese unmöglich sein, wollen sie sich dem Papst zur Verfügung stellen, wohin er sie auch schickt.
Bedeutung: Aus dieser Versammlung wächst sechs Jahre später die Gesellschaft Jesu. Es ist das Gründungsmoment vor der Gründung. Sieben Männer, die noch nicht wissen, was sie werden, aber bereits beieinander sind.
Quelle: O'Malley, Die ersten Jesuiten, Kapitel 1.
3. 27. September 1540 — Bulle Regimini militantis ecclesiae
Papst Paul III. approbiert mit dieser Bulle die Compagnia di Gesù — die Gesellschaft Jesu. Sie ist damit offiziell ein Orden der katholischen Kirche.
Bedeutung: Die formale Geburt des Ordens. Wichtig: Paul III. begrenzt die Mitgliederzahl zunächst auf sechzig. Diese Beschränkung wird 1543 aufgehoben, als sich zeigt, dass der Orden weit über die ursprünglich gedachte Zahl hinaus wächst. Ignatius wird 1541 zum ersten Generaloberen gewählt — gegen seinen Willen, er nimmt erst nach dem dritten Wahlgang an.
Quelle: Schatz, Die Jesuiten, Kapitel 1.
4. 31. Juli 1556 — Tod des Ignatius
Ignatius stirbt in Rom im Alter von 65 Jahren. Hinterlässt einen Orden mit etwa 1.000 Mitgliedern in zwölf Provinzen — Italien, Sizilien, Portugal, Spanien (drei Provinzen), Frankreich, Oberdeutschland, Niederdeutschland, Indien, Brasilien, Äthiopien. Hinterlässt fast siebentausend Briefe, die größte Korrespondenz des 16. Jahrhunderts überhaupt.
Bedeutung: Mit Ignatius geht der Gründer, aber die Struktur trägt. Diego Laínez wird zweiter Generaloberer. Der Orden wächst weiter — bis zum Ende des 16. Jahrhunderts sind es etwa 8.500 Mitglieder, bis 1750 fast 23.000.
Quelle: Schatz, Kapitel 2; O'Malley, Schlusskapitel.
5. 1622 — die Heiligsprechung
Papst Gregor XV. spricht am 12. März 1622 gleichzeitig vier Heilige des spanisch-portugiesischen Raumes heilig: Ignatius von Loyola, Franz Xaver, Teresa von Ávila und Philipp Neri. Wenig später folgt der spanische Bauer Isidor von Madrid.
Bedeutung: Die Heiligsprechung Ignatius' nur 66 Jahre nach seinem Tod ist ungewöhnlich schnell. Sie zementiert die Gesellschaft Jesu in der Mitte der katholischen Kirche. Die jesuitische Bildungsarbeit, die Mission nach Asien, die Beichtväter-Funktion an den Höfen — alles bekommt durch die Heiligsprechung des Gründers eine sakrale Beglaubigung.
Quelle: Worcester (Hrsg.), Cambridge Companion to the Jesuits, Kapitel über die Frühzeit.
6. 21. Juli 1773 — die Bulle Dominus ac Redemptor
Der zentrale, der schwarze Tag.
Papst Clemens XIV. unterzeichnet die Bulle Dominus ac Redemptor noster. Sie löst die Gesellschaft Jesu mit sofortiger Wirkung auf. Etwa 23.000 Jesuiten weltweit verlieren ihren Orden. Ihre Kollegien, Universitäten, Missionsstationen werden konfisziert oder anderen Orden übergeben. Die Bulle wird in Rom am 16. August 1773 öffentlich verkündet.
Bedeutung: Das ist nicht einfach die Auflösung eines Ordens. Es ist die größte Auflösungs-Operation der Kirchengeschichte. Die Bulle ist auch nicht Ausdruck einer freien päpstlichen Entscheidung — sie ist Ergebnis jahrzehntelangen Drucks der Bourbonen-Höfe (Frankreich, Spanien, Neapel, Portugal), die einen Orden mit Beichtväter-Zugang zu jedem katholischen Königshaus nicht mehr ertragen wollten.
Clemens XIV. selbst hat die Bulle vermutlich ungern unterzeichnet. Er stirbt am 22. September 1774 — ein Jahr nach der Verkündung. Die Umstände seines Todes wurden zur Zeit als verdächtig empfunden. Bewiesen ist nichts.
Quelle: Schatz, Kapitel 7; Friedrich, Die Jesuiten — Aufstieg, Niedergang, Neubeginn, Mittelteil. Weiterführend siehe auch Lorenzo Riccis letzte Tage.
7. 22. September 1773 — Lorenzo Ricci wird inhaftiert
Der achtzehnte und letzte Generalobere der Gesellschaft Jesu vor der Auflösung — Lorenzo Ricci, gebürtig aus Florenz, im Amt seit 1758 — wird einen Monat nach der Verkündung der Bulle in der Engelsburg inhaftiert. Gemeinsam mit fünf Assistenten der Ordensleitung. Ohne formelle Anklage. Ohne Prozess.
Bedeutung: Eine der dunkelsten Stellen der Ordens-Geschichte. Warum die Inhaftierung? Warum die Heimlichkeit? Welche Dokumente besaß Ricci, die niemand sehen sollte? Die historische Forschung hat dazu mehrere Theorien, aber keine eindeutigen Antworten. Lorenzo Ricci stirbt am 24. November 1775 in der Engelsburg, in seiner Zelle, an einer Krankheit, die nie verlässlich diagnostiziert wurde. Er bittet auf dem Sterbebett um die Beteuerung seiner Unschuld und der Unschuld seines Ordens. Die wird vom päpstlichen Notar protokolliert.
Quelle: Schatz, Kapitel 7; sowie biografische Forschung von Niccolò Del Re, Lorenzo Ricci ultimo generale dei Gesuiti soppressi. Weiterführend Lorenzo Riccis letzte Tage.
8. 1773-1814 — die vier verschollenen Jahrzehnte
Offiziell existiert die Gesellschaft Jesu zwischen 1773 und 1814 nicht.
Inoffiziell überlebt sie an zwei Orten: Russland (Katharina II. verbietet die Veröffentlichung der päpstlichen Bulle in ihrem Reich, der Orden besteht in den polnisch besetzten Gebieten weiter) und Preußen (Friedrich II., obwohl Protestant, will die Jesuiten als Lehrer behalten, lässt die Bulle ebenfalls nicht publizieren).
In diesen vier Jahrzehnten verschwinden hunderte Jesuiten in den Wochen nach August 1773 spurlos. Andere werden Diözesanpriester. Andere kehren in ihre Heimatdiözesen zurück und schweigen. Andere reisen nach Russland. Andere — und hier beginnt die historische Lücke, in der unsere Fiktion lebt — sind nicht mehr nachweisbar.
Bedeutung: Diese 41 Jahre sind der größte „weiße Fleck" der modernen Ordens-Geschichte. Was haben die ehemaligen Patres mitgenommen, als sie aus den aufgelösten Kollegien hinausgingen? Welche Manuskripte, welche Archive, welche Geheimnisse?
Quelle: Friedrich, ausführliches Kapitel zur Aufhebungs-Phase; sowie Die Jesuiten in Russland für die russische Überlebens-Linie.
9. 7. August 1814 — die Wiederherstellung
Papst Pius VII., der gerade aus napoleonischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist, verkündet mit der Bulle Sollicitudo omnium ecclesiarum die weltweite Wiederherstellung der Gesellschaft Jesu. 41 Jahre nach ihrer Auflösung.
Bedeutung: Wenn die Auflösung 1773 die größte Auflösungs-Operation der Kirchengeschichte war, ist die Wiederherstellung 1814 die größte Restitutions-Operation. Etwa 600 Jesuiten — die Überlebenden aus Russland und Preußen, die Hochbetagten, die Heimgekehrten — bilden die Keimzelle. Innerhalb von hundert Jahren wächst der Orden wieder auf etwa 17.000 Mitglieder.
Aber: Es ist nicht derselbe Orden. Die Wiederherstellung erfolgt in einer veränderten Welt. Frankreich ist nach Napoleon säkular, Deutschland ist im Kulturkampf, die meisten Höfe haben ihre Beichtväter verloren. Der wiederhergestellte Orden ist defensiver, ängstlicher, weniger experimentierfreudig als sein Vorgänger.
Quelle: Schatz, letzte Kapitel; Worcester (Hrsg.), Aufsatz zur Wiederherstellung.
10. 1872-1917 — das Jesuitengesetz im Deutschen Reich
Im Zuge des Kulturkampfes erlässt das Deutsche Reich am 4. Juli 1872 das Jesuitengesetz: alle Niederlassungen der Gesellschaft Jesu auf deutschem Boden werden aufgelöst, ihren Mitgliedern wird der Aufenthalt im Reichsgebiet verboten, deutsche Jesuiten dürfen nicht mehr in der Seelsorge wirken.
Das Gesetz bleibt — mit Modifikationen — bis 1917 in Kraft. Erst die Notlage des Ersten Weltkriegs zwingt zur Aufhebung, weil die Kirche jeden verfügbaren Priester braucht.
Bedeutung: Die deutsche Wiederholung des 1773-Schemas. Antiklerikale Staatsmacht (diesmal Bismarcks Reich) bekämpft den Orden, ohne ihn ausrotten zu können. Die deutschen Jesuiten gehen nach Holland, Belgien, Großbritannien, in die USA, nach Argentinien — und wirken von dort weiter. Manche bleiben heimlich im Reich. Manche kehren erst 1917 zurück.
Quelle: Schatz, Geschichte des deutschen Jesuiten, mehrteilige Standardausgabe; sowie Friedrich, Kapitel zum 19. Jahrhundert.
11. 1962-1965 — das Zweite Vatikanische Konzil
Vier Konzilsperioden in Rom. Theologische Berater des Konzils sind in großer Zahl Jesuiten: Karl Rahner (Wien), Henri de Lubac (Paris), Jean Daniélou (Paris), Pedro Arrupe (später Generalsuperior). Sie prägen die Konzilsdokumente entscheidend mit — die Konstitution über die Kirche (Lumen Gentium), die Erklärung zur Religionsfreiheit (Dignitatis Humanae), die Pastoralkonstitution (Gaudium et Spes).
Bedeutung: Nach 200 Jahren Defensive ist das Konzil die Rückkehr der Jesuiten in die theologische Führungsrolle. Die Begriffe, mit denen die katholische Kirche im 20. Jahrhundert spricht — Dialog mit anderen Religionen, Religionsfreiheit, Kirche als Volk Gottes — tragen jesuitische Handschriften.
Pedro Arrupe wird 1965 zum Generaloberen gewählt. Er ist der erste Jesuit, der einen radikal modernen Orden formuliert: Option für die Armen, Befreiungstheologie, neue Mission. Manches wird auch innerhalb des Ordens kontrovers — die Spannungen zwischen progressivem Arrupe und konservativer Kurie unter Johannes Paul II. prägen die 1980er Jahre.
Quelle: Schatz, letzte Kapitel; biografisches Material zu Karl Rahner. Auch sehenswert: die Dokumentation La rivoluzione del Vaticano II.
12. 13. März 2013 — Jorge Mario Bergoglio wird Papst Franziskus
Der 76-jährige argentinische Jesuit, Erzbischof von Buenos Aires, wird im fünften Wahlgang zum Papst gewählt. Er nimmt den Namen Franziskus an — nach Franz von Assisi, nicht nach Franz Xaver. Eine bewusste Wahl, die Demut und Armut signalisiert.
Bedeutung: Der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri in 473 Jahren Ordensgeschichte. Strukturell eine kleine Sensation: Jesuiten dürfen nach ihren eigenen Konstitutionen keine kirchlichen Ehrenämter anstreben. Bergoglio hat zweimal das Bischofsamt nur unter dem Druck seines Oberen angenommen — beim Konklave aber kein Veto mehr eingelegt.
Mit ihm kommen jesuitische Begriffe in die päpstliche Lehre: Discernment im Amoris Laetitia-Streit über die Familienseelsorge, Examen in den Predigten zur Gewissensprüfung, die ignatianische Option für die Armen als roter Faden seines Pontifikats. Wer den Papst Franziskus verstehen will, muss die Geistlichen Übungen gelesen haben.
Quelle: Galgano, Papst Franziskus — Der Jesuit aus Argentinien; sowie Austen Ivereighs Biografie The Great Reformer.
Was diese Zeitleiste zeigt
Zwei Auffälligkeiten.
Erstens: Die Geschichte des Ordens ist nicht linear. Sie hat Brüche — 1773, 1872, 1917 — die jeweils alles in Frage gestellt haben. Und sie hat Wiederherstellungen — 1814, 2013 — die niemand erwartet hat. Das macht sie schwer in einem Satz zusammenzufassen, aber leicht in einem Bild: eine Folge von Toden und Auferstehungen.
Zweitens: Die Lücken sind interessanter als die Daten. Was zwischen 1773 und 1814 geschah, ist historisch nur teilweise rekonstruiert. Was Lorenzo Ricci in seiner Zelle in der Engelsburg dachte, ist nie aufgeschrieben worden. Was die hunderte spurlos verschwundenen Patres mitgenommen haben — Manuskripte, Karten, Bibliotheken — wissen wir nicht.
In diesen Lücken lebt die Geschichte fort. Und es ist nicht nur Fiktion, die diese Lücken füllt — es ist auch ernsthafte Archiv-Forschung, die seit den 1990er Jahren immer mehr alte Bestände ans Licht bringt. In jedem Jahrzehnt tauchen neue Dokumente auf. Manche bestätigen die offizielle Erzählung. Manche stellen sie in Frage.
Weiterlesen
Für die wirkliche Tiefe — über alle 500 Jahre — empfehle ich drei Bände:
- Klaus Schatz SJ, Die Jesuiten — eine kleine Geschichte des Ordens (Bei Amazon ansehen) — der knapp gehaltene deutsche Standard. Ideal als erste Vertiefung.
- Markus Friedrich, Die Jesuiten — Aufstieg, Niedergang, Neubeginn (Bei Amazon ansehen) — die 800 Seiten lange säkulare Gesamtdarstellung.
- Thomas Worcester (Hrsg.), The Cambridge Companion to the Jesuits (Bei Amazon ansehen) — englisch, akademischer Sammelband, breitester Themenfächer.
Und für die spezifische Frage der vier verschollenen Jahrzehnte zwischen 1773 und 1814 bleiben die Detailarbeiten — etwa zu Russland — bis heute die spannendste laufende Forschung.
In Der erste Vers spielt der August 1773 die Hauptrolle. Pater Konrad Hartmann hat einen Stein in einer Eifel-Quelle versteckt, drei Wochen vor der offiziellen Verkündung der Bulle in Rom. Was in diesem Stein eingraviert ist, wird Charlotte Vogt im Jahr 2027 herausfinden — wenn sie ihn aus dem Wasser hebt. Die Geschichte sitzt genau in der Lücke, die diese Zeitleiste lässt.
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